Gary Taxali

Kritzelei auf hohem Niveau

Gary Taxali liebt die technische Vielfalt. Für seine Illustrationen und Gestaltungen benutzt er alles, vom alten Buchdeckel bis zum klassischen Siebdruck. Einen Computer braucht er dafür nicht.

Das erste Mal habe ich seinen Namen in einer amerikanischen Kunstzeitschrift gelesen – das war vor gut fünf Jahren. Darin warb man auf einer ganzen Seite für seine Kunstdrucke, Plakate und Originale. Ich fand interessant was sie dort abbildeten. Es war eine Collage aus vier Bildern. Auf den vergilbten Innenseiten alter Buchdeckel tummelten sich aufgedruckte Figuren. Die Figuren bestanden aus dicken Konturen in verblichenem Braun und Rot und in Marineblau. Sie wirkten wie Werbemaskottchen aus alten Zeiten. Sie hatten Fehler im Druckbild. Das sah nach reiner Handarbeit aus. Vielleicht Siebdruck mit verschlissener Druckschablone. Oder Stempeldrucke. Linolschnitt vielleicht.

»Congratulations Friend!« 2008 · Mischtechnik auf Papier 22,9 cm x 31,8 cm

 

Neben diesen Figuren gab es da noch kleine Kritzeleien, Handschrift die wieder durchgestrichen wurde und Slogans die aufgeklebt waren und wieder diese Werbemaskottchen, diesmal gezeichnet. Jede Kritzelei und jedes Element der Collage schien zufällig da zu sein, aber alles war an seinem richtigen Platz.

Gary Taxali weiß, was er macht und wie er es machen muß. Er ist Künstler und Illustrator und er hält darüber weltweit Vorträge vor Kunststudenten und Illustratoren. Er lebt und arbeitet in Toronto, in Kanada.

1968 wurde Gary Taxali in Indien geboren. Im Jahr darauf wanderte seine Familie mit ihm nach Kanada aus. Dort ermutigten seine Eltern ihn bereits im Kindesalter Kunstunterricht zu nehmen. Das tat er auch. Im Alter von 23 Jahren kam er frisch vom Ontario College of Art & Design und begann seine Karriere als professioneller Illustrator.

Ein paar Jahre danach waren seine Arbeiten so gefragt, daß er sie nun auch in Kunstgalerien ausstellte. Mit seiner Arbeit als Illustrator hat Gary Taxali schon einige Preise gewonnen. Seine Klientenliste ist lang und voll mit einflußreichen Firmen. Er arbeitete für die »New York Times« und für MTV, für den »Rolling Stone« und »Paramount Pictures«.

Aber dem Charme echter Handarbeit – seinem Stil – blieb er treu: den liebenswürdigen Kritzeleien, den lachenden und den traurigen Figuren und den alten Papieren. 2005 gründete Gary Taxali seine eigene Designer-Toy-Schmiede: Chump Toys. Erstmals war er nicht mehr nur Illustrator und Künstler, sondern jetzt auch noch Spielzeugdesigner.

Er veröffentlichte dort bereits den »Toy Monkey«, und die beiden Vinyl-Figuren »Oh Oh« und »Oh No«. Ich stellte dem Künstler ein paar wesentliche und ein paar weniger wesentliche Fragen.

»Oh No« Vinyl-Figur 16,5 cm hoch
Mit seinen Vinyl-Figuren zeigte Gary Taxali, dass er auch ein Händchen für Designer-Toys hat.

 

Im Interview: Gary Taxali!

Was kam dir in den Sinn als du die »Oh Oh« und »Oh No« Spielzeuge kreiert hast?

Das sind Figuren, die mir ganz schlagartig in den Sinn kamen. Ich stellte mir vor, wenn du eine meiner Figuren in zwei Hälften zerschneiden würdest, käme jedes Mal ein Gesicht mit einem anderen Ausdruck dabei heraus.

Du hast deine eigene Designer-Toy Firma »Chump Toys« gegründet. Warum?

Ursprünglich hatte man mich darum gebeten, eine nach Kundenwunsch entworfene »Qee«-Figur für eine Group-Show in Shepherd Fairys Studio zu bemalen. Zur Show gab es eine Broschüre, die überall die Runde machte, und so wurde mir auf einmal von allen Seiten geraten, mein eigenes Spielzeug zu machen. Zuerst entstand der »Toy Monkey«, der ein großer Erfolg wurde. So groß, daß mich das Whitney Museum of American Art mit einer Spezialedition beauftragte, also machte ich ihnen eine. So kam es, daß ich schließlich »Chump Toys« ins Leben rief. Das Wort »Chump« (zu deutsch: Trottel) kommt in meiner Kunst ziemlich häufig vor, und ich mochte den Namen. Ich habe noch einiges an Spielzeug in Arbeit, also haltet im Jahr 2009 Ausschau nach neuen Chump-Figuren!

 

Wenn man es wirklich ehrlich meint, kann man seinem eigenen Ich nicht entkommen.

 

Deine Illustrationen und Figuren erinnern an vergangene Zeiten der Werbung. Was gab dir die Idee zu diesem Stil?

Diese Idee erwuchs nach und nach aus meiner Liebe zur Verpackungsgestaltung von damals, zur Drucktechnik und der Werbung. Sie kam nicht einfach so über Nacht. Ich hatte schon immer eine Schwäche für altes Papier und Antiquitäten, und so hat sich diese Liebe irgendwie ihren Weg in meine Arbeit gebahnt.

»Favoured Son« · 2007 Mischtechnik auf Papier 34,3 cm x 25,4 cm

Liegt dein Hauptaugenmerk auf deiner persönlichen Kunst oder auf deiner kommerziellen Arbeit?

Auf beidem. Im Moment geht es mir um die Kunst, da ich gerade auf eine Ausstellung hinarbeite. Aber meine Illustrationen sind meiner Kunst ähnlich, und oftmals vermische ich beide. Auf jeden Fall gehe ich mit meinen Illustrationen wie mit meiner Kunst um.

Illustrierst du in deinen freien Kunstwerken dein eigenes Leben und die persönlichen Geschichten daraus?

Meiner Meinung nach ist alles, was ein Künstler macht, eine Art Selbstportrait und autobiographisch – egal, ob es offensichtlich ist oder nicht. Selbst wenn ich die Erfahrungen anderer weiterverwerte, indem ich eine Geschichte nacherzähle (real oder fiktiv), wird diese durch den Künstler gefiltert. Zum Beispiel werde ich dann auch manchmal Sätze oder Ausdrücke verwenden, die ich irgendwo aufschnappe oder mir vorstelle.

Ist Indien in deiner Kunst?

Ja. Indien ist meine Kunst. Je älter ich werde, desto näher komme ich dieser Verbindung. Ruhige, indische Bildsprache, Typographie und andere kulturelle Symbole und Begriffe haben ihren Weg in meine Arbeit gefunden. Wenn man es wirklich ehrlich meint, kann man seinem eigenen Ich nicht entkommen. Auch Kanada ist in meiner Kunst, da ich hier aufgewachsen bin und diese Kultur mich und meine Sicht auf die Dinge geprägt hat. Ich vermische diese Beiden gern, da so ein wirkliches Selbstportrait entsteht.

gary-photo-bw

Benutzt du Computer-Software für deine Arbeiten?

Nein.

Was denkst du über Computer im Zusammenhang mit Illustrationen?

Dazu kann ich mich nicht wirklich äußern. Denke ich, daß ein künstlerischer Leiter sich über so etwas Gedanken macht? Nein. Ein Bild ist ein Bild und sein Wert hängt nicht davon ab, womit oder worauf es gemacht wurde. Zu viele Künstler benutzen den Computer in unangemessener Weise, und heraus kommt dabei gewöhnliche Kunst ohne Seele. Hätte ihre Arbeit Seele, wenn sie einen Pinsel benutzten? Ich zweifle stark daran.

Welche Materialien und Techniken verwendest du für deine Illustrationen und deine Kunst?

Ich benutze jede Art von Materialien für meine Arbeit. Ich mache Siebdruck, ich male mit Öl auf Holzfaserplatten, ich arbeite mit Stiften und Tinte auf Papier, mit Holz, ich mache Collagen und Skulpturen. Ich mag jede Technik und jedes Material.

Du hast eine Menge Illustratoren-Preise gewonnen. Nimmt solch ein Kompliment Einfluß auf die Arbeit?

Es hatte immer eine große Wirkung auf mich. Meiner Meinung nach streben wir doch alle nach Anerkennung durch unsere Mitmenschen. Einige mehr und andere weniger. Es fühlt sich gut an, Anerkennung für meine Bemühungen zu erfahren, und ich will hier auch nicht so tun, als ginge es in Wettbewerben nicht um Popularität, denn so ist es nun mal.

Kannst du mir etwas über die Ausstellung erzählen an der du gerade arbeitest?

Die Ausstellung nimmt langsam Form an. Ich werde Arbeiten verschiedener Genres einbeziehen, Bilder und ein paar Skulpturen. Mir ist bislang noch kein Name eingefallen, aber normalerweise finden die Ausstellungen ihre Namen aus sich selbst heraus.

Wann und wo gibt es die Ausstellung zu sehen?

Sie wird im April 2009 stattfinden, in der Jonathan Levine Gallery in New York.

Was lehrst du, wenn du Vorlesungen hältst?

In meinen Vorlesungen konzentriere ich mich darauf zu zeigen, wie ich meiner Leidenschaft treu geblieben und dadurch sehr erfolgreich geworden bin. Ich rate den jungen Leuten, es genauso zu machen: Nicht die Ideen anderer Leute nachzuahmen, sondern Vertrauen in den eigenen künstlerischen Ausdruck zu haben.

Bedeutet das, junge Illustratoren sollten mehr experimentieren und sie sollten ihren Fokus stärker auf ihre Kunst richten, anstatt auf die genauen Details einer Geschichte?

Ja, so ungefähr. Die Kunst hat natürlich Vorrang. Ich versuche die Leute dazu zu ermutigen, offen zu sein gegenüber neuen Ideen und neuen Wegen ein Bild zu machen. Ich denke, wenn du das Potential hast, dann findest du auch den Weg selbst mit komplizierten oder stumpfsinnigen Aufträgen umzugehen und diesen Leben einzuhauchen. Manchmal sind all unsere Weisheiten nur Schall und Rauch, aber das ist schon in Ordnung.

Text & Interview: Danny Winkler