THE ART OF

Natsuko Kogure

Meeresbewohner aus Papier

Man nehme ein paar alte Zeitungen, Leim und etwas Wasser, bringe alles in Verbindung miteinander und forme daraus eine Figur. Schon hat man die Technik des Pappmaché entdeckt.

Die Kunst des Pappmaché oder auch Papiermaché (von französisch papier mâché – gekautes Papier) existiert seit Erfindung der Papierherstellung, deren Ursprünge man in China vermutet. Es gibt wohl keinen, der während seiner Schulzeit nicht schon einmal etwas aus Pappmaché hergestellt hätte.

marschmellowDie japanische Künstlerin Natsuko Kogure hat sich mit Leib und Seele dieser Papier-Technik verschrieben und erschafft mit dieser die seltsamsten und faszinierendsten Geschöpfe. »Umi no hitotachi« (Bewohner des Meeres) heißt ihr Buch, in dem man nun erstmals eine Sammlung ihrer Kreationen bewundern kann: Seegurke, Auster und Seeanemone lachen einem aus dem 2009 im Selbstverlag erschienen Buch entgegen.

Sie alle haben Gesichter, die entweder von einem heiteren Gemüt zu zeugen scheinen, oder aber von einem eher dunklen wie bei Aplysia Kurodai, einer Artverwandten der Hinterkiemerschnecke. Manche der Wesen räkeln sich träge am Strand, lesen wie der Hai in einem Manga oder stehen – wie die Meeresschildkröte – gerade im Begriff, sich von einem Felsen kopfüber ins Meer zu stürzen.

lesend

 

Die Fotos sind in Katsuura und an der Küste von Ubara entstanden. Dort arrangiert Natsuko Kogure ihre 30 bis 50 cm großen Objekte und erweckt sie mit der Kamera anschließend zu Leben. Sie selbst beschreibt ihre Tätigkeit wie folgt:

»An Tagen, an denen ich früh morgens aufstehe, zum Himmel hinaufblicke und denke ›ah, heute ist die Sicht klar‹, packe ich meine Kamera, diverse Objekte und ein paar Reisklöße und fahre mit der Bahn hinaus an die Küste von Ubara. Mit der Regionalbahn sind es zwei Stunden. Während die Bahn dahin rattert, halte ich im Innern ein Nickerchen. Sobald wir in Ubara angekommen sind, laufe ich vom Bahnhof aus 10 Minuten zu Fuß zum Sandstrand. Finde ich eine Stelle, wo mir Felsen und Strand gefallen, betrachte ich Ebbe oder Flut und suche mir einen Platz, wo ich meine Objekte aufstelle. Nun geht es ans Fotografieren. Ich lasse mich auf die Knie nieder und lichte alles von unten, vorne und von oben mit der Digitalkamera ab. Die Strandflöhe gehen mir zwar auf die Nerven, aber ich lasse mich von ihnen nicht aus der Ruhe bringen. Ich verscheuche sie mit den Füßen, passe auf, dass sie nicht näher kommen und lichte die Objekte eins nach dem anderen ab. Im Sommer ist es heiß und der Schweiß fließt mir am Körper herunter. Im Winter zittern meine Finger vor Kälte. Trotzdem mache ich weiter und es erfüllt mich mit großer Freude, die fertigen Bilder anschließend zu betrachten. Ich führe dieses Leben nun schon seit vielen Jahren. Wenn ich mit dem Fotografieren fertig bin, kaufe ich mir einen Dosenkaffee, laufe zurück zum Bahnhof von Ubara und verdrücke in der Wartehalle die Reisklöße. In dem ungekühlten Warteraum ist es schrecklich schwül und man kann nicht gerade behaupten, dass es dort besonders behaglich wäre, aber wenn ich dann denke ›wieder was geschafft‹ schmecken mir die Reisklöße umso besser. Auch zukünftig werde ich dieses Leben wohl so fortsetzen. Und solange wie ich Objekte herstelle, möchte ich diese mit Leben erfüllen.«

blume

Eine ihrer Lieblingsfiguren ist übrigens die Auster, die Natsuko Kogure auf ihrer neuen Webseite www.kakiyamasan.com folgendermaßen umschreibt: »Eigentlich möchte sie lieber in einem Muschelgehäuse leben, doch da ihre Kanten ihrem Umfeld lauter Verletzungen zufügen, lebt sie zwangsläufig nackt. Normalerweise ist sie eine friedliche Auster, aber wenn man sich über ihren Vornamen lustig macht, wird sie böse und wechselt von ihrer üblicherweise blauen Ummantelung zu einem kräftigen Rot.«

gestreift

Mir persönlich haben es Paul und Daniel angetan. Über sie heißt es bei Natsuko Kogure: »Eineiige Zwillinge, die aus einem Zustand der Langeweile heraus philosophische Betrachtungen über die Welt anstellen. Aufgrund ihrer Namen und des surrealen Outfits ist das Gerücht entstanden, dass sie womöglich aus dem Ausland stammen, aber da die Betreffenden nichts über sich selbst verraten, ist dies derzeit noch unklar.«

So mag man in den Meeresbewohnern ein Stück von sich selbst wiedererkennen oder man bekommt ganz einfach Lust, auch selbst mal wieder etwas zu gestalten. In jedem Fall ist das Buch aber eine anregende Lektüre, für die es durch die große Anzahl an Fotos keiner vielen Worte bedarf. [Artikelende][/Artikelende]

von Sabine Peiseler
fotos NATSUKO KOGURE

[list][li]Homepage Natsuko Kogure[/li][li]www.kakiyamasan.com[/li][/list]

1

raupe

Krakenfrau

Krakenfrau 2

Cover

Leave a Comment

*