THE ART OF

Juan Hernaz

In Gijón, einer Industrie- und Hafenstadt an der spanischen Atlantikküste, kennt ein jeder seine Bilder und Plakate. Sie hängen an Hauswänden, in Schaufenstern, liegen als Flyer im Touristenbüro aus oder zieren Bücher zu Themen wie »Bienen«, »Evolution« und »Umwelt«. Der asturische Illustrator Juan Hernaz ist omnipräsent in der größten Stadt Asturiens und doch kennen die wenigsten den Mann, der hinter all diesen Bildern steht. Grund genug, ihn einmal für das Low Kunstmagazin zu interviewen.

Werbekampagne für ein neues, ermäßigtes Kombiticket, das den Besuch von Botanischem Garten und Aquarium in einem erlaubt. Gijón (Asturias - Spanien). Herbst-Winter 2012.

Werbekampagne für ein neues, ermäßigtes Kombiticket, das den Besuch von Botanischem Garten und Aquarium in einem erlaubt. Gijón (Asturias – Spanien). Herbst-Winter 2012.

Du arbeitest viel mit dem Botanischen Garten in Gijón zusammen. Was kann die Illustration Deiner Meinung nach tun, um Menschen für die Natur zu begeistern und darüber hinaus für deren Erhalt zu gewinnen?

Die Illustration ist ein mächtiges Sprachmittel, ein Instrument, das es Dir ermöglicht, sehr komplexe Botschaften zu übermitteln, wobei selbst verschiedene Interpretationsebenen ineinander greifen. Du kannst sie wie eine Feder oder wie einen Hammer benutzen oder beides auf einmal. Das hängt ganz davon ab, was Du beabsichtigst und vor allem von dem Konzept, das Du zu vermitteln suchst. Die wahre Macht einer Illustration liegt darin, Deinen Kopf und Dein Herz ganz ohne Worte zu berühren.

Ich fertige regelmäßig Plakate für den Botanischen Garten in Gijón an und ich versuche immer Bilder zu entwickeln, die für sich selbst sprechen. Wenn Du ein Poster entwirfst, musst Du Dir darüber im Klaren sein, dass die Wirkung Deiner Arbeit auf die Öffentlichkeit sehr kurz ist. Du hast höchstens ein paar Minuten, vielleicht nur Sekunden, um eine zielsichere Botschaft zu senden.

Ich fühle mich geehrt, dass meine Illustrationen positiv aufgenommen werden. Der Botanische Garten von Gijón bietet eine große Palette an Aktivitäten für Kinder und Erwachsene. Die Mischung aus beidem – attraktivem Bild und ansprechender Aktivität – bildet den Schlüssel, um Menschen anzusprechen und sie zu motivieren. Das ist ein weiterer Schritt, um das Bewusstsein für den Erhalt der Natur zu stärken.

Umschlaggestaltung für das 48seitige Buch »The travelling beehive«, herausgegeben in Spanisch (Print- und Download-Version) und in Englisch (freie Download-Version), eine Gemeinschaftsproduktion des Botanischen Gartens Gijón, der Spanischen Gesellschaft für Entomologie und der Biodiversitätsstiftung des spanischen Landwirtschaftsministeriums. März 2012.

Umschlaggestaltung für das 48seitige Buch »The travelling beehive«, herausgegeben in Spanisch (Print- und Download-Version) und in Englisch (freie Download-Version), eine Gemeinschaftsproduktion des Botanischen Gartens Gijón, der Spanischen Gesellschaft für Entomologie und der Biodiversitätsstiftung des spanischen Landwirtschaftsministeriums. März 2012.

Wie näherst Du Dich einem neuen Projekt an? Setzt Du Dich erst einmal intensiv mit dem Thema auseinander oder schaffst Du »aus dem Bauch heraus«?

Ich arbeite immer sehr gewissenhaft und versuche die verschiedensten ausführlichen Informationen unterschiedlicher Sichtweisen und Ansätze zu finden: aus speziellen Abhandlungen oder Aufsätzen, Enzyklopädien und Wörterbüchern, Internet, Büchern, Magazinen und Zeitungen … umfassende Kenntnisse sind der Schlüssel, um ein Projekt erfolgreich umzusetzen. Ich fühle mich verantwortlich, den Boden genau zu kennen, um mich sicher darauf zu bewegen und meinem Publikum eine stimmige Botschaft zu vermitteln. Das ist der einzige Weg, sie ernst zu nehmen: indem ich ihre Intelligenz respektiere.
Das Buch, an dem ich gerade arbeite, hat die erste Stufe genommen: die Dokumentation zum Thema. Ich habe mehr als 700 Quellen zusammengetragen (Texte, Bilder, Fotos…), die in direktem oder indirektem Zusammenhang zu Themen stehen, die vom Haupttext angesprochen werden. Ich muss eine große Anzahl an Bildern sehen und analysieren, die mir dabei helfen, meine Ideen zu ordnen und mir darüber klar zu werden, was ich tun soll oder aber besser bleiben lasse. Dieser Arbeitsprozess hat bei meinem neuesten Projekt etwa drei Monate gedauert. Jetzt fühle ich mich wissensmäßig soweit gerüstet, eine stimmige und interessante Arbeit anzufertigen.

Illustration für die letzte Show von Olga Cuervo, Geschichtenerzählerin, mit dem Titel »Sheltered by the stories«. Herbst, 2012.

Illustration für die letzte Show von Olga Cuervo, Geschichtenerzählerin, mit dem Titel »Sheltered by the stories«. Herbst, 2012.

Welche Techniken verwendest Du beim Erstellen eines Posters?

Der technische Prozess beginnt bei mir mit den ersten Skizzen: Graphit auf Papier, für gewöhnlich in meinen Notizbüchern. Diese Phase ist sehr lustig: so kurz, bei dem Versuch, meine Ideen graphisch zu erfassen, manchmal ist es aber auch ein Kampf …

Und wenn ich dann die Botschaft, die ich vermitteln will, klar vor Augen habe, muss ich mit der Umsetzung beginnen und ich wähle die Technik aus, von der ich glaube, dass sie als ästhetisches Transportmittel am besten geeignet ist. Auf die Art und Weise versuche ich zu verhindern, dass die Technik meine Arbeit einschränkt. Ich verwende Graphit auf Papier, Digital Colouring, Öl- oder Aquarellfarben. Aber für mich ist die Technik lediglich das »Werkzeug«, das »Transportmittel«, das mir dabei hilft, das Ziel zu erreichen, das ich anvisiere. Ich wähle sie nach diesen Parametern aus. Das Ganze ist nie eine zufällige Wahl.

Illustration zum 30jährigen Jubiläum der Erwachsenenbildung »Universidad Popular de Gijón«. Juni 2012.

Illustration zum 30jährigen Jubiläum der Erwachsenenbildung »Universidad Popular de Gijón«. Juni 2012.

Du hast die Gewinner-Schulaufsätze zum diesjährigen Weltumwelttag illustriert. Wie haben die Kinder auf Deine Illustrationen reagiert? Fanden sie ihre Geschichten gut umgesetzt oder gab es auch jugendliche Kritik?

Kinder sind das beste Publikum. So ehrlich! Ich liebe es, für sie zu arbeiten, weil sie Dir immer direkt sagen, was sie denken, ohne Rücksicht auf irgendwelche Konventionen.

Die Erfahrungen in diesem Jahr waren sehr positiv. Ihre erste Reaktion ist immer Überraschung. Für sie ist es unglaublich, ihre Geschichten von einem Profi illustriert zu sehen und sie lieben diese Idee. Nach dem ersten Kontakt sind viele mit den Bildern zufrieden (und sagen mir das auch), andere erklären mir, wie sie die Illustrationen gemacht hätten. Einer hat mir sogar mal seine Bilder gezeigt. Aber es war nie jemand dabei, dem rein gar nichts an dem gefallen hätte, was ich mit seinem Text gemacht habe.

Ich erinnere mich mit besonderer Zuneigung eines Kindes, das zu mir kam und sagte: »Gracias, Señor« und mich dann bat, das Buch für ihn zu signieren und eine Widmung hinein zu schreiben. Er war in Begleitung seiner Mutter. Sie hat mir später erzählt, dass ihr Sohn Illustrator werden möchte und dass diese Idee sein großer Traum wäre. Ich glaube, das war eine der schönsten Rückmeldungen, die ich bekommen habe und natürlich die beste Belohnung, die man mir geben kann. Zu wissen, dass Deine Arbeit es vermag, andere zu motivieren und zu inspirieren, ist etwas Wunderbares.

Illustration anlässlich der 15. Nationalen Konferenz für Arboristik. Jerez de la Frontera (Cádiz - Spanien). November 2012.

Illustration anlässlich der 15. Nationalen Konferenz für Arboristik. Jerez de la Frontera (Cádiz – Spanien). November 2012.

Gibt es eine Tageszeit, zu der Du besonders kreativ bist?

Ich glaube, dass Kreativität das Ergebnis konstanter Arbeit ist. Ich betrachte es eher als einen langwierigen Prozess als einen Blitz in der Dunkelheit. Wenn ich es also mit einem Projekt zu tun habe, erflehe ich nicht das Licht, um mich zu erleuchten, da ich weiß, dass der Schlüssel – zumindestens für mich – in der ständigen Suche liegt, kombiniert mit einem ästhetischen Gespür für die Realität, die ich zu bearbeiten suche.

Darüber hinaus habe ich keine Präferenzen für eine spezielle Tageszeit, zu der ich arbeite. Das einzige, was ich nicht ausstehen kann, sind die Unterbrechungen. Ich kann stundenlang arbeiten, ohne auf die Uhr zu sehen. Mit der Arbeit aufzuhören, empfinde ich oft als Ärgernis. Ich genieße jeden Abschnitt des Prozesses.

Illustration anlässlich des ersten Geschichtenwettbewerbs zum Thema »Umwelt«, eine Veranstaltung der Stadtverwaltung von Gijón. November 2011 - Mai 2012.

Illustration anlässlich des ersten Geschichtenwettbewerbs zum Thema »Umwelt«, eine Veranstaltung der Stadtverwaltung von Gijón. November 2011 – Mai 2012.

Was machst Du, wenn Dir zu einem Thema mal nichts einfällt? Ist Dir so etwas schon einmal passiert?

Und ob! Das ist eine ganz alltägliche Situation zu Beginn der Arbeit. Aber für mich ist das Ansporn, tiefer in einen kreativen Prozess einzutauchen – von der Dokumentation bis zum endgültigen Resultat. Ich glaube nicht an Musen. Ich glaube ans Arbeiten und Suchen. Das ist das einzige Geheimnis.

Wie haben deine Eltern auf deinen Wunsch, Illustrator zu werden reagiert?

Meine Geschichte mit dem Malen geht schon so lange wie ich einen Bleistift in der Hand halten kann. Im Alter von zwei Jahren füllte ich Notizbuch um Notizbuch mit Kritzeleien; dann mit fünf bekam ich meine ersten schulischen Kurse und mit zehn lernte ich dann Techniken wie Ölmalerei, Gouache und Wasserfarben. Mit 18 verkündete ich meinen Eltern schließlich: »Ich sehe meine berufliche Zukunft nicht ohne Kunst«. Ich glaube, sie ahnten es bereits. Jedenfalls war es anfangs nicht ganz einfach für sie, das zu akzeptieren.

Später, als ich Kunststudent an der Universität von Salamanca war, entdeckte ich dann die Buch-Illustration. Diese Ausdrucksform war das perfekte Match meiner geliebten Interessen: dem Malen und den Büchern.

Aber all das wäre viel schwieriger gewesen, hätte ich nicht die Unterstützung meiner Eltern gehabt . Von meinen frühen Kindertagen an waren sie in der Lage, meine Fähigkeiten zu sehen, sie zu fördern und wachsen zu lassen. Ich hatte in dieser Hinsicht großes Glück und dafür bin ich ihnen auf Ewig dankbar.

Illustration anlässlich des zweiten Geschichtenwettbewerbs zum Thema »Umwelt«, eine Veranstaltung der Stadtverwaltung von Gijón. November 2012 – Mai 2013.

Illustration anlässlich des zweiten Geschichtenwettbewerbs zum Thema »Umwelt«, eine Veranstaltung der Stadtverwaltung von Gijón. November 2012 – Mai 2013.

Bist Du als Illustrator eher Solist oder könntest Du Dir vorstellen, an einem Gemeinschaftsprojekt mitzuarbeiten?

Ich verstehe den Entstehungsprozess auf eine sehr introspektive Art und Weise. Obwohl gewisse Teile des Prozesses in Zusammenarbeit ausgeführt werden können, gibt es immer einen Teil – den, wie ich finde, wichtigsten von allen – der eine Konfrontation mit Dir selbst erfordert, mit Deiner Art zu arbeiten, mit Deinen Gedanken … die Arbeit eines Illustrators spiegelt einen sehr persönlichen Prozess wider.

Und obwohl diese Arbeit mit dem Illustrator in seiner Rolle als Kommunikator für mich schwer vorstellbar ist ohne eine gewisse soziale Aktivität (einer Öffentlichkeit, auf die man abzielt, mit der man in Kontakt tritt), glaube ich, dass der tiefere Arbeitsprozess so persönlich ist, dass er viel zu kompliziert ist, als dass andere Kreative daran teilhaben könnten. Außerdem glaube ich, dass die Ergebnisse unvorhersehbar wären. Diese Variabilität ist es, die mich ernsthaft zweifeln lässt.

Jedenfalls ist jede Erfahrung auf die eine oder andere Weise bereichernd und trägt dazu bei, Deinen Geist offen und wach zu halten. Das ist für mich einer der Wege, einen kreativen Geist zu bewahren. Wenn man genügend kreative Autonomie hätte, könnte so ein Gemeinschaftsprojekt durchaus interessant sein. Der Schlüssel liegt darin, zu wissen, wohin Du willst und den Weg dahin zu finden. [Artikelende][/Artikelende]

Interview: Sabine Peiseler

[list][li]Homepage von Juan Hernaz[/li][li]Blog von Juan Hernaz (spanisch)[/li][li]»The Travelling Beehive« (freie Downloadversion als pdf oder ePub)[/li][li]La [R]evolución de Darwin (pdf)[/li][/list]
Illustration anlässlich der europäischen Woche der Mobilität September 2012.

Illustration anlässlich der europäischen Woche der Mobilität September 2012.

Umschlaggestaltung für das Buch »The [R]evolution of Darwin«, eine Veröffentlichnung des Botanischen Gartens von Gijón in Gedenken an das 200jährige Jubiläum von Charles Darwin. Dezember 2009.

Umschlaggestaltung für das Buch »The [R]evolution of Darwin«, eine Veröffentlichnung des Botanischen Gartens von Gijón in Gedenken an das 200jährige Jubiläum von Charles Darwin. Dezember 2009.

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